Story
Discourses
Veröffentlicht am 21.07.2022

Hunters and Collectors

Artist Talk mit Thies Wulf, multidisziplinärer Designer und Creative Director aus Berlin und erster Pop-Up-Bewohner im Creative Village von POP KUDAMM. Über das Sammeln als Neurose, das eigene Wohnzimmer als Museum, den maximalen Spaß des Gestaltens, POP KUDAMM als gallisches Dorf und das Erschaffen „echter“ Orte.

Thies Wulf ist ein waschechter Jäger und Sammler. Zumindest wenn es um Kunst und allerlei kreative Kuriositäten geht. Vor allem ist er aber auch ein Liebhaber von Details, die er mit immer neuer Begeisterung in Szene setzt. Er kann, so scheint es, wenn man ihn beobachtet, nie so ganz die Hände in den Schoß legen und muss irgendwie immer mit kleinen smarten Handgriffen hier und da dafür sorgen, dass Dinge in einem Raum besser, interessanter ergo schöner in Szene gesetzt werden. Plötzlich steht eine Skulptur woanders, liegt dort ein Teppich oder Kissen, erblüht eine Pflanze und leuchtet in neon-retro ein „Disco“ – Leuchtschild an der Wand. Eine liebevolle Eigenschaft, die sich in seinen unterschiedlichsten Arbeiten als Designer für Fashion Brands wie Stone Island, Eduard Dressler, Dorothee Schumacher, wie auch im Store Design für verschiedene Marke u.a. in Osaka, Mailand, London, New York, Seoul, Rom und München zeigt. Aktuell spiegelt sich dies in seiner neuen Design-Manufaktur-Unternehmung namens „Holyprop“ mit der ersten Produktfamilie der Glashaubenhalter: Die Liebe zum Detail und das Inszenieren schöner Dinge.

Eben dieses Label – Holyprop – war es auch, mit dem er jüngst als einer der ersten Pop-Up-Bewohner überhaupt ins Creative Village von POP KUDAMM einzog, um damit zugleich ein Stück Urgeschichte dieses neuen spannenden Ortes mitschreiben zu wollen. A story to be told – inmitten der Berliner City West.

Zum Ende seiner Zeit im POP KUDAMM haben wir es seinen Besucher:innen gleich getan und uns mit Thies auf den Strohmatten vor seinem Showroom getroffen, wo er tagtäglich mit design-affinen Berliner:innen, schaulustigen Flaneur:inenn, Studierenden, Tourist:innen, Party People und und und ins Gespräch kam. Zum Schwatz über Design und Kunst, persönliche Lieblingsstücke und das eigene Wohnzimmer als Museum.

Pop Kudamm:Du warst in den vergangenen zwei Monaten bei POP KUDAMM, um Holyprop zu präsentieren. Deine aktuelle Design-Serie mit der jede:r von uns das eigene Zuhause in ein Museum, eine Galerie verwandeln kann. Kurz in einem Satz zusammengefasst: Was ist Holyprop?
Thies Wulf:Im Namen Holyprop steckt bereits die Grundidee der Unternehmung. HOLYPROP ist eine Design-Manufaktur, die sich um die Lieblings (holy) – Stücke (props) eines Menschen mit Sammel- oder einfach nur Schönheitsbegeisterung kümmert. Bei uns werden im Team neuartige Präsentations-Showcases gestaltet, entwickelt, produziert und vertrieben. Bei den zu präsentierenden Objekten kann es sich am Ende um alles handeln: Kunst, Schmuck, Erbstücke, Flohmarktartikel, Sammelobjekte und und und… Selbst ein zerknülltes Konzertticket aus der Hosentasche, wie zuletzt bei mir von der Band „Editors“, sieht darunter aus wie eine Skulptur.
Pop Kudamm:Hinter allen Designs steckt die Vision des Designers. Was war Deine Inspiration hinter Holyprop und wie kamst Du auf diese besondere Design-Idee?
Thies Wulf:Ich selber bin seit vielen Jahren exzessiver Sammler von kuriosen Dingen und Objekten – hauptsächlich Kunst und allgemein Kuriositäten wie beispielsweise Wurzelsepps, Sammelteller von Orten aus den USA, 7“ Vinyl mit verrückten Covern, Vintage-Schmuck, Vintage-Photography, Pins aus Japan u.a.. Irgendwann wollte ich die Objekte altargleich zuhause „ausstellen“ und habe im Einrichtungsbereich keine passenden Produkte gefunden. Also warum sollte es keine „Rahmensysteme“ für dreidimensionale Objekte geben, wenn es Bilderrahmen für zweidimensionale Kunstwerke gibt, war meine Frage.

Pop Kudamm:Mit der Holyprop-Mounterfamily hast Du eine Produktlinie geschaffen, mit der jede:r eigene Kunst-Objekte daheim oder in anderen persönlichen Räumen in Szene setzen kann. Anders als in einem Museum entzieht sich dieses aber eher dem Blick anderer, außer man ist in solchen Räumen zu Gast. Hattest Du schon Möglichkeiten zu sehen, wie deine Produkte Kunst in privaten Räumen präsentiert? Und wenn ja, welche Lieblingsstücke zeigen sich dabei unter Deinen gläsernen Kuppeln?
Thies Wulf:Ja, ich hatte tatsächlich großes Glück, die „Mounter“ bei Kunden befüllt sehen zu können. Zum Beispiel meine erste Kundin ist eine designaffine Frau, die sich für 3 ihrer Lieblings-Miniatur-Skulpturen immer einen festen Ort gewünscht hatte und bei den sogenannten „Wall Mounts“ in neongelb fündig wurde. Mein persönlicher Liebling bei ihr zuhause ist eine sehr filigrane, goldfarbige Metalldraht-Skulptur – ein echter Hingucker. Ein anderer Kunde ist ein bekannter Kunstsammler, der nun 3 fuchsiafarbige „Wall Mounts“ und eine Sonderanfertigung in seinem Badezimmer hängen hat. Darunter stehen weiße Porzellanskulpturen einer aussergewöhnlichen Künstlerin.

Sammeln kann ja auch manchmal – wahrscheinlich sogar sehr oft – eine neurotische Handlung sein.

Pop Kudamm:In Deinen Arbeiten und ganz speziell auch bei Holyprop sieht man Thies Wulf’s Blick auf das Alltägliche. Der Blick eines echten Sammlers. Was bedeutet Sammeln für Dich und was fasziniert Dich daran, alltägliche Gegenstände zum Beispiel mit Holyprop in Szene zu setzen?
Thies Wulf:Gute Frage! Sammeln kann ja auch manchmal – wahrscheinlich sogar sehr oft – eine neurotische Handlung sein: Man kann es nicht lassen dies oder jenes kaufen zu müssen, um die eigene Sammlung noch weiter zu bereichern. Ich persönlich liebe u.a. Kuriositäten und bin über Literatur wie THE KEEPER oder das John Soane‘s Museum in London und andere Cabinets of Curiosities auf dieses Sujet gestoßen. In unserem Zuhause in Berlin haben wir den Luxus sehr viele Holyprops stehen und hängen zu haben und diese werden kontinuierlich neu befüllt und szenografisch-kunstvoll gepflegt. Ich bin sozusagen mein eigener Kurator und veranstalte kleine Ausstellungen zuhause. Witzigerweise bieten die ausgestellten Objekte immer Anlass zur Kommunikation – Unsere Gäste wollen immer genau wissen, um was es sich bei den ausgestellten Dingen handelt. Interessant sind für mich auch meine sogenannten „Sample Sculptures“, die ich aus unterschiedlichsten Gegenständen, Materialien etc. zu neuen Gebilden (Skulpturen) zusammenstelle – wie ein DJ – nur visuell-materiell sample – und damit immer neue Cases schaffe.
Pop Kudamm:Für Saul Bass war Design visuelles Denken. Wie fasst Thies Wulf Design in einem Satz zusammen, wenn er danach gefragt wird? Und wie fließt dieses Verständnis von Design in Deine Arbeiten ein?
Thies Wulf:Ich bin der Überzeugung, dass die visuell-gestalterische Arbeit eigene Denkmuster und Gehirnregionen beansprucht und über die Jahre an Erfahrung und der Designtätigkeit diese „gehirnmassen-muskulär“ stärkt.