GREEN VARIETY, GREEN FUTURE

Im Gespräch mit Holger Zahn von den Späth’schen Baumschulen: Über städtisches Grün, den Gärtnerberuf als Handwerk, die Rolle von Baumschulen und städtetaugliche Bäume und Pflanzen.

Kiefern, Felsenbirnen und Birken. Stauden und Sträucher. Auf den Dächern von POP KUDAMM wächst und grünt es. Gezüchtet und gepflanzt wurden die Gewächse von den Späth’schen Baumschulen, die mit ihrer über 300-jährgen Geschichte nicht nur ein echtes Urgestein, sondern als Fachbetrieb auch weit über die Stadtgrenzen hinaus mit ihren gärtnerisch-kreativen Gestaltungen bekannt sind. Ein Berliner Original mit Tradition, bei dem schon die Großeltern gerne ihre Pflanzen eingekauft haben. Local business at its best.

Dass diese Bäume speziell POP KUDAMM einen grünen Rahmen geben, hat zwei Gründe: Zum einen sind sie echte Hingucker und zum anderen lenken Sie den Blick auf das städtische Grün und seine Bedeutung für eine Stadt wie Berlin. Im Wissen um die positiv klimaregulierenden Effekte und urbanen Lebensqualität von Stadtgrün kommt Baumschulen dabei – heute mehr noch denn je – eine zentrale Aufgabe zu. Um gemeinsam mit Stadtplanern klimaresiliente Konzepte zu entwickeln und grüne Infrastrukturen mit ihrer Expertise mitzugestalten.

Doch wie sieht‘s mit unserem Stadtgrün aus? Und was braucht es für grüne Vielfalt und grüne Zukunft in Berlin? Zusammen mit Holger Zahn, Geschäftsführer der Späth’schen Baumschulen, haben wir uns hierzu ausgetauscht. Beim kleinen Walk durchs Berliner Grün.

Wer Berlin von oben sieht, nimmt unsere Stadt als ausgesprochen grün wahr. Teilen Sie als Gartenbauingenieur, der täglich mit lebendigem Material zu tun hat, diese Wahrnehmung?

Berlin ist auf jeden Fall eine Stadt mit sehr viel Stadtgrün. Daher schmücken wir uns gerne mit dem Titel grüne Stadt. Wenn man aber genauer hinschaut, und auch auf andere, gerade kleinere Städte, sieht man, dass wir unser Grün auch ziemlich vernachlässigen und nicht genug Liebe ins Detail stecken. Das zeigt sich zum einen darin, dass die Wertschätzung von städtischem Grün anderswo viel höher ist, und zum anderen beim Pflegezustand unseres Grüns, der an vielen Stellen nicht wirklich gut ist.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Herford ist für mich ein sehr gutes Beispiel. Da gibt es jede Menge Highlights, und man sieht die Wertschätzung fürs Grün. Bei uns in Berlin gibt es hingegen leider nur wenig fürs Auge. Abgesehen von einzelnen Projekten wie zum Beispiel hier am Kudamm.

Und woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das Problem ist, dass mit der Planung von Stadtgrün zwar erfahrene Garten- und Landschaftsbauer am Werk sind, die Pflege dann aber oft Dienstleistern überlassen wird, die nicht genau wissen, worauf alles zu achten ist und wie die einzelnen Grünanlagen gepflegt werden müssen. Der Gärtnerberuf als Fachhandwerk wird unterschätzt.

Mit dem Klimawandel kommt Baumschulen eine essenzielle Aufgabe zu und Stadtplaner weisen ihnen eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel zu. Was ist aus Ihrer Sicht bei der Grünplanung in Städten wie Berlin wichtig?

Wertschätzung und Vielfalt. Bei der Planung von Grünanlagen geht es heute sehr oft eher allein um Widerstandsfähigkeit und Einfachheit. Für grüne Vielfalt braucht es aber mehr. Dazu müsste Geld in die Hand genommen und Wert daraufgelegt werden, mit Fachfirmen zusammen zu arbeiten, die die Pflege leisten können. Wichtig wäre auch, nicht nur starr in zertifizierte heimische Gewächse zu denken, sondern auch die Anforderungen von Pflanzen zu sehen. Was heute als heimisch gilt, kann morgen eventuell nicht mehr mit seiner Umwelt klarkommen. Das müsste mitgedacht werden. Man muss hierbei auch sehen, dass es sich um ein lebendiges Material handelt, das Zeit zum Wachsen braucht. Gerade bei Bäumen, die wir für Blattmasse brauchen, sind es 10 bis 15 Jahre allein für die Planung. Und Blattmasse braucht‘s für die Klimaregulierung.

Für die angesprochene Blattmasse braucht es auch mehr Bäume. Kann dieser gestiegene Bedarf aktuell gedeckt werden?

Das stimmt, aktuell ist der Bedarf sehr hoch. Es geht aber nicht nur um den aktuellen Bedarf, sondern auch den zukünftigen. Das führt jetzt schon zu Engpässen, weshalb sich der Bestand eigentlich schon vor 10 Jahren hätte verdoppeln müssen. Durch die Preispolitik der letzten Jahre war dieses aber nicht möglich. Vielmehr sind im Laufe der vergangenen Jahre über 700 Baumschulenbetriebe allein in Deutschland gestorben. Das kann man jetzt nicht einfach ausgleichen. Nur wo kommen dann die Pflanzen in den richtigen Mengen her? Hierfür sollte lokales Business wieder mehr unterstützt werden. Damit wieder mehr Anbieter dazu kommen und die Branche wieder schneller gesunden kann. Für unsere Stadtentwicklung braucht es Baumschulen, weil sonst Planungen nicht zuverlässig möglich sind.

In vielen Kiezen sieht man sehr viele kleine oft private Initiativen, die sich ums Stadtgrün kümmern. Können solche Initiativen zur grünen Vielfalt beitragen?

Auf jeden Fall. In der Gesellschaft ist sehr viel Engagement sichtbar. Und man sieht auch viele spannende Ansätze in den Ausschreibungen für neue Bauprojekte. Dachgärten sind dafür ein gutes Beispiel. Dieses Engagement ist aber manchmal nur temporärer Aktionismus, der leider auch wieder abflacht, wenn es nur an einzelnen Personen hängt. Ich denke, dieses Engagement müsste gesteuert und verwaltet werden.

Mit Blick auf die Zukunft machen Sie sich als Baumschule Gedanken zur grünen Vielfalt. Sie planen eine Art Stadt der Zukunft im Kleinen. Was genau verbirgt sich dahinter?

Rund um unsere Baumschule sollen verschiedene Bäume in dem sich dort entwickelnden Wohngebiet gepflanzt werden, die so in der Stadt noch wenig zu sehen sind, aber zukünftig unser Stadtbild prägen könnten. Die Idee geht auf die vom BdB (Bund deutscher Baumschulen) und der GALK (Gartenamtsleiterkonferenz) erstellte Liste mit 60 Bäumen der Zukunft zurück und ist wie ein groß angelegter Feldversuch. Für Forschung und um zu schauen, wie sich diese Bäume entwickeln. Wenn die Planungen fertig sind, wird das Wohngebiet zur Sortenschau, mit der wir den Beweis antreten wollen, dass städtisches Grün auch anders geht.

Unsere Bäume bei POP KUDAMM zeigen genau hievon einen kleinen Ausschnitt. Wie sieht für Sie die Stadt der Zukunft im Großen aus?

Wie ein Ort, an dem man gerne ist. Mit Eyecatchern, grünen Dächern und mehr Flächen auch für schöne Pflanzen, die was fürs Auge sind. Mit viel Vielfalt also und vor allem guten Pflegezuständen.